Dorfkonferenz: Zukunftswerkstatt Ederen - Stärken, Schwächen, Ziele

Die Dorfkonferenz am 22.1.2011 unter der Leitung von Prof. Rolf Westerheide (l.)

Am Samstag, den 22. Januar 2011, fand von 10:00 Uhr bis 15:00 Uhr in der Bürgerhalle eine Veranstaltung unter dem Motto

Zukunftswerkstatt Ederen
Stärken, Schwächen, Ziele

statt.

Die Veranstaltung wurde im Auftrag des Kreises Düren durchgeführt und von Prof. Rolf Westerheide (RWTH Aachen, Lehrstuhl für Städtebau und Landesplanung) und Dipl.-Ing. Uli Wildschütz (Büro RaumPlan, Aachen) moderiert.

Ziel der Veranstaltung war die Ingangsetzung eines Diskussionsprozesses der Mitbürger über die Zukunft des Dorfes. In einem solchen Prozess besteht die große Chance, Projekte für Ederen mit Modellcharakter für die Region zu entwickeln.

Einleitung
Ortsvorsteher Norbert Reitinger begrüßt die ca. 50 Gäste der Dorfkonferenz

Zu Beginn der Veranstaltung begrüßte Ortsvorsteher Norbert Reitinger die Gäste der mit ca. 50 Teilnehmern überraschend gut besuchten Veranstaltung in der Bürgerhalle und wünschte für den weiteren Tagesablauf eine angeregte und fruchtbare Diskussion.

Im Anschluss übernahm Prof. Westerheide das Wort und stellte nach einleitenden Worten sein mit angereistes Team vor. Mit der Skizzierung des weiteren Ablaufs der Veranstaltung schloss er die Einleitung ab.

Die einzelnen Programmpunkte sind im Folgenden durch Überschriften gegliedert.

Das Dorfprofil - Der Blick von Aussen auf Ederen

Bereits im Oktober des vergangenen Jahres hat eine Begehung des Dorfes stattgefunden, an der Prof. Westerheide und Mitarbeiter, Dipl.-Ing. Wildschütz, Frau Lersch vom Kreis Düren, Ortsvorsteher Reitinger, Franz-Josef Römgens als Vertreter der Vereinigten Vereine und als sachkundige Bürger Jürgen Spelthann und ich teilnahmen. Auf Basis der Ortsbegehung und der Analyse von Karten, Daten, Texten und Bildern hat das Team um Prof. Westerheide und Dipl.-Ing. Wildschütz ein Dorfprofil gezeichnet und die Besonderheiten Ederens herausgearbeitet. Diese Bestandsaufnahme diente uns nun als Ausgangspunkt für die weitere Diskussion.

Gegenüberstellung traditionelles Dorf / heutiges Dorf

Zuerst wurden das traditionelle Dorfleben und das Leben im heutigen Dorf gegenübergestellt.

  • Landwirtschaftliche Strukturen werden aus den Dörfern verschwinden und damit die ästhetische Erscheinung, sowie die Funktion der Dörfer nachhaltig verändern.
  • Kleinen Versorgungsstrukturen inmitten der Dörfer fehlt zunehmend die Nachfrage, z. B. Handwerksbetriebe, Tante-Emma-Läden.
  • Aufgrund des wachsenden Mobilitätsanspruchs werden feste soziale und örtliche Bindungen abnehmen (wechselnde Arbeit/Wohnung, weniger Bodenständigkeit). Gleichzeiting werden überörtliche und interkulturelle  Erfahrungen die Lebensgewohnheiten in den Dörfern bereichern.
  • Die demografische Verteilung zu mehr alten / weniger jungen Menschen zeigt Konsequenzen für den Bedarf an neuen Lebens- und Wohnformen.
  • Die Änderung des Lebensalltags im Dorf vom Bauerndorf zum Wohndorf ist bereits vollzogen.

Dann wurden die Folgen des Strukturwandels des ländlichen Raumes für die Dörfer aufgezeigt:

  • Rückzug der Landwirtschaft, Entwicklung zum Wohndorf
  • hohes Mobilitätserfordernis, schlechte Verkehrsanbindung
  • fehlende oder unzureichende Einrichtungen / Versorgung
  • Auflösung der Dorfgemeinschaft, soziale Konflikte
  • Negative Veränderung des Ortsbildes
  • Gebäudeleerstand im Ortskern, Wachstum an den Rändern
  • Trennung von altem Dorf und Neubaugebieten
  • Verlust dorftypischer Landschaftsbestandteile und Vegetation

Anhand zahlreicher Schautafeln wurden Vergleiche zwischen Linnich und anderen durchschnittlichen deutschen Kleinstädte angestellt. Untypisch ist in Linnich der überhohe Anteil von landwirtschaftlichen Flächen (ca. 80% gegenüber 50% einer typischen Kleinstadt) und der geringe Anteil von Waldflächen (ca. 5% gegenüber 30%), bedingt durch die außerordentlich gute Bodenqualität in der Börde.

Extrem ist der Unterschied im Bevölkerungszuwachs. In den letzten 30 Jahren ist die Einwohnerzahl der typischen deutschen Kleinstadt im Durchschnitt um über 20% gewachsen, im Stadtgebiet Linnich nur um weniger als 5%. Die Einwohnerzahlen für Ederen lesen sich wie folgt: 1750 - 563, 1880 - 732, 1890 - 773, 1910 - 817, 1999 - 916, 2003 - 951, 2008 - 963, 2010 - 1000.

Bevölkerung 1976 - 2008 nach Altergruppen im Stadtgebiet Linnich

Signifikant ist die Verschiebung der Alterspyramide innerhalb der letzten 30 Jahre, wie aus der obigen Grafik zu ersehen ist.

Heute arbeiten 1% der Beschäftigten im Stadtgebiet in der Landwirtschaft, 64% im verar­beitenden Gewerbe, 27% im Dienstleistungsgewerbe und 7% im Handel.

Als abschließendes Resümee des Dorfprofils ergaben sich folgende positive bzw. negative Punkte:

  + historischer Kernbereich um Dorfplatz / Kirche / Kapelle
  + Bügerhalle als Kristallisationspunkt der Dorfgemeinschaft
  + Dorfplatz als Identität von Ederen
  + Obstwiesengürtel als ökologisches Potential
  + Alleinstellungemerkmal "Ederener Runde"
  + einzelne gut erhaltene dorftypische Bauten
  + intaktes Dorf mit kompakter Baustruktur
  + vorhandene Grundausstattung

  - weite Wege zu Einrichtungen der Gesamtstadt
  - Bürgerbus fährt nur 6x am tag (werktags)
  - Gebäudeleerstand, -Zustand und -Gestaltung
  - Gestaltung des Dorplatzes nicht optimal

Die Phasen der Zukunftswerkstatt

Die nun startenden "Werkstattgespräche" gliederten sich grob in drei Phasen:

In der Kritikphase waren die Teilnehmer aufgerufen, ihren Ärger und Unmut über Zustände im Dorf zu artikulieren. Die einzelnen Themen sollten kritisch beleuchtet und benannt werden.

In der Phantasie- und Utopiephase sollten alle Schwierigkeiten und Hindernisse einmal ausgeblendet werden und den Wünschen und Träumen freien Lauf gelassen werden.

In der Realisierungsphase trat dann nach Kritik und Phantasie die Realität wieder in den Vordergrund. Realistische Veränderungsmöglichkeiten und Gestaltungsansätze sollten gefunden werden.

Kritikphase

In der Kritikphase konnten Ärgernisse, Mängel, Probleme und Beschwerden artikuliert werden nach dem Motto:

"Worin sehen Sie Probleme, Schwächen heute  und für die zukünftige Entwicklung und Gestaltung in Ederen und was ärgert Sie am meisten?".

In dieser Phase wurden ausschließlich Kritikpunkte gesammelt und keine Lösungsvorschläge diskutiert. Kritik an Sachen - auch überspitzt - war erwünscht, aber keine Kritik an einzelne Personen.

Die Teilnehmer benennen Kritikpunkte

Jeder Teilnehmer der Versammlung wurde nach seinen Kritikpunkten gefragt und am Ende der Runde kam eine stattliche Zahl von Punkten zusammen, die in die drei Bereiche "Bauen und Gestalten", "Soziales und Kultur" sowie "Ökonomie und Ökologie" eingeteilt wurden:

Bauen und Gestalten

  • fehlende Mobilitätsalternativen
  • ÖPNV nach Lindern fehlt
  • schlechte ÖPVN Anbindung
  • Verbindung Ederen-Linnich zur Rurtalbahn
  • Verlagerung von privaten Stellplätzen auf die Straße
  • schwierige Parkplatzsituation
  • Mobilitätsproblem von Kindern und Jugendlichen
  • Verkehrssicherheit für Kinder
  • hoher Zeitaufwand für Schulwege
  • sicher Spielmöglichkeiten im öffentlichen Raum
  • Gestaltung des Dorfplatzes ist trostlos
  • problematische Ortseingänge
  • fehlende Mobilität im Alter könnte zum Wegzug führen
  • Lärmproblem durch falsche Straßenbeläge
  • Verkehrssicherheit für ältere Fußgänger problematisch
  • Leerstand und Verwarlosung von Gebäuden, Identitätsverlust durch Leerstände
  • Straßen in schlechtem Zustand
  • Verkehrssituation für Landwirtschaft problematisch
  • kleine Gassen in schlechtem Zustand
  • desolater Zustand von Straßen und Fußwegen
  • fehlende Passierfreiheit

Soziales und Kultur

  • Freizeitangebot für Jugendliche nicht ausreichend
  • Betreuung und Orte für Jugendliche
  • Kinder kommen hier nicht weg
  • teilweise hohe Geschwindigkeiten
  • Kontaktmöglichkeiten im freien Raum fehlen
  • der Kreis der Engagierten sollte größer werden
  • Integrationsprobleme Zugezogener, Zugezogene werden nicht 'mitgenommen'
  • beidseitige Integrationsprobleme
  • das Dorf könnte sauberer sein
  • Problem Hundedreck
  • wilder Müll an Wegrändern
  • Akzeptanz konventioneller Landwirtschaft
  • Kleinbetriebe nützen den Raum als Betriebsfläche
  • Zentralisierung versus Selbstbestimmung
  • der Fokus liegt zu sehr auf den Zentralort
  • wir akzeptieren noch nicht 'Teil eines Ganzen' zu sein
  • Entscheidungen werden von Externen getroffen
  • Bürger und Dorfgemeinschaft werden nicht ernst genommen
  • wir fühlen und immer noch nicht als Linnicher
  • Informationsfluss von oben findet kaum statt

Ökonomie und Ökologie

  • Obstbäume werden nicht nachgepflanzt
  • Zerstörung von Obstwiesen
  • Zerstörung von Hecken
  • Gestaltung mit Grün könnte besser sein
  • Geräusche durch Windräder
  • Lärmbelästigung durch AWACS
Phantasie- und Utopiephase

In der Phantasiephase werden nun alle Schwierigkeiten und eventuelle Hindernisse, die einer Realisierung entgegen stehen könnten, ausgeblendet. Den Wünschen und Träumen kann freier Lauf gewährt werden nach dem Motto:

"Stellen wir uns vor, Geld und Macht spielten keine Rolle und vieles hätte sich zum Positiven gewendet und der Entfaltung von Ideen sind keine Grenzen gesetzt".

Alle Ideen sollen ohne Realitätsschere im Kopf geäussert werden, alles ist möglich, alles geht und scheinbar unsinnige Ideen sind ausdrücklich erwünscht.

In der Phantasiephase lassen die Teilnehmer ihren Wünschen für das Dorf freien Lauf

Wieder werden die Anregungen in die bekannten drei Kategorien unterteilt.

Bauen und Gestalten

  • räumliche Symetrie des Dorfplatzes wieder herstellen
  • Wiederherstellung des historischen Dorfplatzes
  • Konzept für Besucherparkplätze
  • neues Leben in alten Strukturen
  • neuer Bahnhof Ederen
  • Reaktivierung Bahntrasse

Soziales und Kultur

  • 'Mitfahrzentrale' im Dorf, 'Multibus' mit flexiblen Abfahrzeiten
  • Anlaufstelle für Fahrgemeinschaften
  • Regeln für das Parken auf dem eigenem Grund
  • 'Ederener Runde' als offenes Forum
  • Intensivierung und Stärkung der 'Ederener Runde'
  • Etablierung neuer Interessengemeinschaften
  • Bürgerhalle als zentraler Ort im Dorf
  • Stärkung der Bürgerhalle
  • 'Kindergarten' für pflegebedürftige Mitbürger
  • temporäre Fachbetreuung für ältere Menschen
  • Betreuung und Pflege im Dorf
  • Mehrgenerationenwohnen
  • Dorfplatz zentraler Kommunikationsort
  • Tradition der 'Stühle an der Strasse' stärken
  • Börse für Einkaufs-/Fahrgemeinschaften
  • Theatergruppe
  • Selbstbestimmung und mehr eigene Kompetenzen
  • kulturelles Angebot in Ederen

Ökonomie und Ökologie

  • selbstorganisierter Dorfladen, kooperativer Dorfladen
  • Marktstand mit lokalen Produkten
  • Information über lokales Angebot
  • 'Dorffonds' für mehr selbstbestimmtes Handeln
  • Reaktivierung der Obstwiesen
Pause

Inzwischen ist es 12:30 Uhr geworden und Moderatoren und Teilnehmer haben sich eine kurze Mittagspause verdient. Die Zeit bei Kaffee und Brötchen wird für angeregte Diskussionen genutzt.

Realisierungsphase

In der sich anschließenden Realisierungsphase wurden die bisher eingebrachten Ideen zu thematisch passenden Gruppen zusammengefasst. Aus den daraus entstandenen Themenkomplexen konnten die Teilnehmer dann jeweils 4 Bereiche auswählen, denen sie die höchste Priorität zuordnen.

In der Realisierungphase werden die Ideen thematisch gruppiert und bewertet

Für die fünf meistgewählten Themen wurden dann Arbeitsgruppen gebildet, in die sich die Teilnehmer einschreiben konnten. Die Ederener Runde wurde dabei nicht berücksichtigt, da diese ja bereits als Interessengemeinschaft besteht.

Die vergebenen Punkte verteilten sich wie folgt auf die einzelnen Themenbereiche:

Punkte Themenbereich Unterthemen
29 Dorfplatz Räumliche Symetrie des Dorfplatzes wieder herstellen; Wiederherstellung des historischen Dorfplatzes
21 Ederener Runde Ederener Runde als offenes Forum; Intensivierung und Stärkung der Ederener Runde; Etablierung neuer Interessengemeinschaften
17 begleitete Flurbereinigung Flurbereinigung; Landschafts- und Dorfentwicklung
17 Ederener Obstwiesen Reaktivierung der Obstwiesen; Ederener Obstler :-)
16 Bürgerhalle Bürgerhalle als zentraler Ort im Dorf; Stärkung der Bürgerhalle; kulturelles Angebot in Ederen; Theatergruppe
10 Flexible Mobilität Anlaufstelle für Fahrgemeinschaften; 'Multibus' mit flexiblen Abfahrzeiten; 'Mitfahrzentrale' im Dorf
9 Gelebter Dorfplatz Tradition der 'Stühle an der Strasse' stärken; Dorfplatz als zentraler Kommunikationsort; Börse für Einkaufs- / Fahrgemeinschaften
9 Stärkung der Selbstbestimmung 'Dorffonds' für mehr selbstbestimmtes Handeln; Selbstbestimmung und mehr eigene Kompetenzen
7 Mehrgenerationenprojekt Betreuung und Pflege im Dorf; 'Kindergarten' für pflegebedürftige Mitbürger
5 Parkraumkonzept Konzept für Besucherparkplätze; Verkehrsberuhigung Durchgangstrasse; Regeln für das Parken auf dem eigenen Grund
3 Dorfladen Kooperativer Dorfladen; selbstorganisierter Dorfladen; Marktstand mit lokalen Produkten; Information über lokales Angebot
3 Bahnstrecke / Bahnhof Bahnhof Ederen; Reaktivierung Bahntrasse
1 Leerstandsmanagement Neues Leben in alten Strukturen
Perspektiven der weiteren Arbeit

Es ist nun an den einzelnen Arbeitsgruppen, die Mitgliedszahlen zwischen 6 und 15 Teilnehmer haben, die Themen zu vertiefen und Wege für eine Realisierung einzelner Punkte zu finden.

Konkret besteht in der Arbeitsgruppe "Obstwiesen" schon das Angebot der ökologischen Station Düren, Altbestände von Obstbäumen kostenlos schneiden zu lassen. Dazu wird in Kürze hier auf www.ederen.de eine Kontaktadresse veröffentlicht, an die sich interessierte Obstwiesen-Besitzer wenden können.

Als Resultat der Eigeninitiativen in Ederen ist die Abteilung für Flurbereinigung des Amtes für Agrarordnung der Bezirks­regierung Köln an den Ort herangetreten und hat die Möglichkeit der Förderung von innerörtlichen Maßnahmen in Aussicht gestellt. Unter Flurbereinigung ist hier nicht unbedingt das klassische Zusammenlegen von landwirtschaftlichen Flächen zu verstehen. Dies wird ein Thema für die Arbeitsgruppe "begleitete Flurbereinigung" sein. Es ist schon angedacht, einen Vertreter der Bezirksregierung zu einer Diskussionsrunde zu laden, um sich Fördermöglichkeiten aufzeigen zu lassen.